Donnerstag, 3. Mai 2012

Staus und stockender Verkehr...

Von Simon Argus

Das allabendliche Chaos auf dem Berliner Avus oder rund um das Frankfurter Kreuz wirkt eher beschaulich, wenn man globale Maßstäbe ansetzt. Vor allem in rasch wachsenden Städten der Schwellen- und Entwicklungsländer ist der Verkehr eine der großen Herausforderungen auf dem Weg zu einer lebenswerten und überlebensfähigen urbanen Entwicklung. Zwei Karten aus Kairo verdeutlichen die Situation. 

Karte 1: Pendelwege der Bewohner von Gated Communities im Großraum Kairo. Quelle: Eigener Entwurf 2011.
Die beiden hier gezeigten Karten sind im Zuge einer Abschluss-Arbeit über nachhaltige Stadtentwicklung im Großraum Kairo entstanden. Die erste Karte stellt tägliche Pendelwege einzelner Bewohner von Gated Communities zu ihren Ausbildungs- oder Arbeitsstellen im Großraum Kairo dar. 

Die Gated Communities liegen dabei zum größten Teil in neu angelegten Satellitenstädten, sogenanten "New Towns", während die meisten Arbeitsstätten für die Mitglieder der Oberschicht weiterhin im innerstädtischen Bereich, beispielsweise bei Regierungsstellen oder Ministerien angesiedelt sind. Somit legen einige der befragten Personen sehr weite Strecken mit dem Auto zurück - die Fahrtzeiten liegen teilweise bei über 2 Stunden in einer Richtung. 

Verschärft wird die Situation dadurch, dass die meisten billigeren Wohngegenden im innerstädtischen (dunkelbraun dargestellten) Bereich liegen. Die Menschen aus diesen Gegenden arbeiten jedoch in großer Zahl in den Industrie-Komplexen der Satellitenstädte und pendeln täglich in der entgegengesetzten Richtung. Sie nutzen zumeist Sammeltaxis oder Minibusse. Das Ergebnis ist in jedem Fall ein inzwischen ganztägiges totales Verkehrschaos. 

Auf dem Weg von der Innenstadt in die Satellitenstädte (und umgekehrt) durchqueren die Stadtautobahnen informelle Wohnquartiere der Unterschicht. Die Bewohner dieser Quartiere sind oft weniger vom Kairoer Verkehrsinfarkt betroffen, da sich ihre (ebenfalls informellen) Arbeitsstellen in fußläufiger Entfernung von ihren Wohnungen befinden. Einige der Bewohner dieser Viertel leben vom Verkauf von Waren entlang der Stadtautobahnen. Sie haben ein wirtschaftliches Interesse an den zahlreichen Verkehrsstaus - und blockieren auch mal die Straße um einen solchen zu erzeugen. 

Angeblich ist die Verkehrssituation seit der Revolution noch viel schlimmer geworden. Die Polizei war im Anschluss an die Unruhen lange Zeit kaum im öffentlichen Raum präsent - angesichts fehlender Ampelanlagen sind es jedoch diese Beamten, die in der 20-Millionen-Metropole den Verkehr regeln sollen. Die Bewohner der Gated Communities nehmen es hin. Umsteigen auf öffentlichen Verkehr kommt für sie nicht in Frage - zu schmutzig und zu gefährlich. Außerdem sind bis heute kaum alternativen zu straßengebundenem Verkehr vorhanden.

Karte 2: Bestehende und geplante Nahverkehrsnetzwerke im Großraum Kairo. Quelle: Eigener Entwurf 2011.
Die zweite Karte illustriert den Zustand des öffentlichen Schienenverkehrsnetzes im Großraum Kairo. Zwar gibt es in einzelnen Stadtteilen eine seit Jahrzehnten vernachlässigte Straßenbahn, abgesehen davon ist die Metro jedoch das einzige Verkehrsmittel das dem allgegenwärtigen Stauchaos entgehen kann. So sind denn auch die bestehenden zwei U-Bahn-Linien in gutem Zustand und funktionieren tadellos. Allerdings decken sie nur einen sehr kleinen Bereich des Großraums ab.

Besonders problematisch ist die bis heute fehlende Anbindung der neuen Städte rund um Kairo. Hier ist es bei Planungen und Absichtserklärungen geblieben. Dafür werden weiter breite Ausfallstraßen gebaut und innerhalb der Satellitenstädte sorgen vielspurige Verkehrsadern für hoffentlich fließenden Verkehr. Wer hier kein Auto besitzt, hat es schwer voran zu kommen. Nur vier der untersuchten Gated Communities können eine Anbindung an das Schienennahverkehrsnetz vorweisen. Viele Anwohner schätzen diese autofreundliche Politik in den neuen Städten: Sie hält ärmere Bevölkerungsschichten fern.

Im Netz: 

Von der Weltbank gibt es eine Präsentation zur Verkehrssituation im Großraum Kairo, die die wichtigsten Fakten zusammenträgt.

Außerdem gibt es hier einen Blog zum Thema Mobilität und Transport in Entwicklungs- und Schwellenländern, ebenfalls von der Weltbank.

Donnerstag, 12. April 2012

Vom Recht auf Land und Landrechten

Von Simon Argus

Die Privatisierung öffentlichen Raums wird in der Geographie kritisch begleitet, wie an den Diskussionen um Gated Communities, Shopping-Malls oder - auf den ländlichen Raum bezogen - das Phänomen des Landgrabbing deutlich wird. Dabei handelt es sich bei der Zuteilung von Landrechten um einen ganz natürlichen Vorgang, wie Shin Lee und Chris Webster in "Enclosure of the Urban Commons" herausstellen: So werden Transaktionskosten gesenkt und eine effektivere Landnutzung möglich. Doch auch die Grenzen dieses ökonomischen Gedankenmodells werden beim Reality-Check schnell offenbar. 

Leiden unter der Verteilung ihrer Landrechte an andere: Die San in Botswana und Namibia. (Bild: eigenes Foto)
Der Artikel zum Thema Landgrabbing, der in der Geozentrale vor einigen Wochen erschienen ist, hat insbesondere hinsichtlich eines Details einige Reaktionen hervorgerufen: Landgrabbing, so wurde in dem Artikel behauptet, sei nicht illegal. Schwer zu glauben, angesichts des offensichtlichen Unrechts, das durch die Praxis des massenhaften Landkaufs großer Konzerne vor allem gegenüber der von Subsistenzwirtschaft lebenden Kleinbauern geschaffen wird. Tatsächlich lässt sich leicht argumentieren, dass ein europäisch geprägter Rechtsbegriff in ländlichen Regionen Afrikas kaum einen Wert hat - sind solche Rechtssysteme (und damit Landvermesser und Katasterämter) doch erst durch die koloniale Herrschaft in diese Gebiete eingezogen. Oder wie war das?

Tatsache ist, dass es nicht unbedingt daran liegen muss, dass die Kolonialherren Afrikas aus Europa stammten. Shin Lee und Chris Webster schreiben in ihrem Artikel "Enclosure of the Urban Commons" (2006), dass die Verteilung von Eigentumsrechten einer rationalen Logik folgt, die mit der zunehmend intensiven Nutzung von Land allgemeingültig ist: So kannten beispielsweise auch die Chinesen und Osmanen festgelegte Landnutzungs- und Eigentumsrechte. 

Im Modell ganz einfach

Sind solche Rechte nicht festgelegt, besteht für jeden die Möglichkeit, das verfügbare Land im eigenen Interesse zu nutzen. Dabei handelt es sich bei Land um ein Allmende-Gut: Niemand ist von seiner Nutzung ausgeschlossen, aber die Kapazitäten sind begrenzt. Ist die Weide einmal abgegrast ist sie für alle potenziellen Nutzer zumindest für eine ganze Weile wertlos. Man könnte natürlich versuchen jeden Nutzer der Weide im Gespräch davon zu überzeugen, sich etwas zurückzuhalten, um das saftige Grün länger zu erhalten. Solche andauernden Gespräche wären aber wahrscheinlich nur mäßig effektiv - und sie verursachten hohe "Kosten" - sogenannte Transaktionskosten. 

Um die Weide (oder jedes andere Stück Land) effizienter und nachhaltiger zu nutzen, muss seine Nutzung eingeschränkt werden: Einige Interessenten müssen ausgeschlossen bleiben. Dort wo die Nachfrage das Angebot übersteigt ist der Preis eine effiziente Möglichkeit Nutzungsrechte zu verteilen: Derjenige der sich den größten Nutzen von der Weide verspricht, sollte die höchste Zahlungsbereitschaft aufweisen und folglich den Zuschlag erhalten. Um eine solche Transaktion möglich zu machen - das heißt um andere Interessenten vom Konsum des Gutes "Weide" auszuschließen - muss natürlich erst ein Zaun um den begehrten Acker gebaut werden (wieder Transaktionskosten - auf Dauer aber niedrigere). 

Je mehr Nachfrager bereit sind für solche Nutzungsrechte einen Preis zu zahlen, desto höher steigt der Preis der gesamten Weide. Es kommt dazu, dass die bestehende Weide in immer kleinere Parzellen unterteilt wird, die sich dann mehr Nachfrager leisten können. Nun ist für jedes Stückchen Weide ein Nachfrager allein verantwortlich. In seinem eigenen Interesse wird er sie lange grün erhalten.

Schon vor 500 Jahren veränderten Landrechte die Welt

Ungefähr auf diese Weise dürfte vor 500 Jahren die heute so typische britische Landschaft mit ihren zahlreichen Hecken und Mäuerchen entstanden sein: Der Landadel stellte fest, dass Schafhirten, die ihre Schafe bis dahin kostenlos auf ihren Feldern gehalten hatten, dank der aufstrebenden Textilverarbeitung plötzlich sehr viel mehr verdienen konnten als sie selber. Wenige hundert Jahre später war das letzte Mäuerchen fertig und die Privatisierung der Landrechte auch politisch abgeschlossen (der Landadel war damals politisch sehr einflussreich). 

Und damals wie heute zeigte sich an dieser Entwicklung ein nicht zu leugnender Nebeneffekt: Zahlreiche Menschen waren bei der Verteilung der Landrechte leer ausgegangen. Denn das Aushandeln dieser Rechte über die Zahlungsbereitschaft funktioniert nur so lange, solang auch jeder sein Interesse in Form einer Zahlungsbereitschaft ausdrücken kann - sprich: Man benötigt Geld (oder Landbesitz). Das Problem der landlosen Bauern begründen Lee und Webster außerdem mit dem unausgegorenen politischen System Großbritanniens zu dieser Zeit: Abgesehen vom Adel war die Bevölkerung nur unzureichend an der Politik und ihrer Macht beteiligt. Die landlose Bevölkerung konnte ihre Interessen also auch politisch nicht durchsetzen. 

Die gleichen Entwicklungen und Unzulänglichkeiten bei der Verteilung von Landrechten lassen sich heute in vielen Teilen Afrikas und anderswo beobachten. Mehr und mehr Nachfrage nach dem verfügbaren Land (durch Bevölkerungswachstum oder durch das Auftreten neuer Interessenten, wie internationalen Lebensmittelkonzernen) führen zu einer immer präziseren Unterteilung von Nutzungsrechten - immer mehr Land wird vom Allmende-Gut zum privaten Gut. Und noch immer scheint das politische System der betroffenen Länder nicht in der Lage zu sein, die verschiedenen "Stakeholder" - also Interessengruppen - ausgewogen zu berücksichtigen. 

 Beispiel Namibia

Ein Beispiel ist hier Namibia: Die Menschen des San-Volkes (früher nannte man sie herabsetzend "Buschleute") lebten Jahrtausende lang vom Sammeln und Jagen in den sehr weiten Landschaften des südlichen Afrikas. Da die Intensität der Nutzung sehr gering war, wurde niemals zwischen "meinem" und "deinem" Land unterschieden. Dies änderte sich mit dem Zuzug unterschiedlicher anderer Bevölkerungsgruppen, wie der Bantu, der Herero und schließlich der Europäer. Während die aufkommenden Interessenkonflikte zu Zeiten der Bantu noch mit gelegentlichen Scharmützeln und einer Verdrängung der San in Richtung der trockeneren Kalahari beigelegt wurden, hatten die Europäer von zuhause die Idee der festgelegten Landrechte im Gepäck. 

Hier waren es neben der fehlenden politischen Repräsentation vor allem auch schwerwiegende Kommunikationsschwierigkeiten und eine vollständige Missachtung von bestehenden Gewohnheitsrechten, die dazu führten, dass die San heute ohne Landrechte dastehen und auf den Farmen der Weißen, der Bantu oder der Herero als schlecht bezahlte Hilfsarbeiter beschäftigt sind. Jagen und Sammeln dürfen sie nicht mehr - ihrer Lebensgrundlage sind sie somit weitgebend beraubt. Von ihren geringen Einnahmen kaufen sie sich Säcke von Weizen- oder Maismehl, das ihre fast ausschließliche Nahrung darstellt. Auch wenn die "geordnete" Verteilung von Landrechten eine effiziente Methode darstellt, Land nachhaltiger zu bewirtschaften - so gibt es doch immer auch eine ganze Reihe Verlierer, solange die "perfekten" Modellannahmen nicht auf die Realität übertragbar sind.

Im Netz:
  
- Der Artikel von Shin Lee und Chris Webster: Enclosure of the Urban Commons

- Ein weiteres aktuelles Beispiel zum Kampf um Landrechte aus Südafrika: Hier wird staatliches Land in großem Stil an internationale Konzerne verkauft. Legal natürlich. 

Donnerstag, 1. März 2012

Anonyme Schwärme und die Macht öffentlicher Meinung

von Steffen Hirth

Gesellschaftlicher Wandel geht meist sehr zäh vonstatten, unmerklich wie ein langsam dahinfließender Gletscher. Umso aufregender wird es, wenn er sich dann doch zu beschleunigen scheint: Das Internet eröffnet Möglichkeiten mit revolutionärem Potential. Sowohl im Cyberspace als auch in der "real world" stehen die glokalisierten Protestbewegungen und das Kollektiv "Anonymous" direkt an der Front. Mit der Macht öffentlicher Meinung kämpfen sie gegen die Macht öffentlicher Meinung. Im Folgenden der Versuch einer Synthese aus einem sozialpsychologischen Konzept und diskursanalytischen Ansätzen.


Wer sich in der Gegenwart umschaut, kann eine Vielzahl öffentlicher, mehr oder weniger friedlicher Proteste gegen herrschende Ordnungen beobachten; ob es sich um den Arabischen Frühling, die Platzbelagerungen in Spanien und Israel oder um die "Besetzung" der Wall Street in New York und des Bankenviertels in Frankfurt handelt. Der Sturm auf die Bastille war gestern, heute weht ein anderer Wind, aber aus der gleichen Richtung. Das sozialpsychologische Konzept öffentlicher Meinung ist in der Lage zu erklären, wie ein Umschwung des Meinungsklimas, in der Lage ist, Regierungen zu stürzen. Mehr noch: Es kann sich als nützlich für eben jenen Teil der Gesellschaft erweisen, der eklatante soziale Ungleichheiten nicht mehr hinnehmen will, wie z.B. das Kollektiv "Anonymous".

Der Wandel vorherrschender, öffentlicher Meinungen

In seinen Konformitätsexperimenten in den 1950er Jahren konnte Solomon Asch zeigen, wie Menschen entgegen ihrer inneren Überzeugung mit der Mehrheitsmeinung konform gehen, um sich nicht zu isolieren. Mehrere Personen sollten dabei öffentlich diejenige Linie bestimmen, welche einer vorgelegten Musterlinie entsprach. Die eigentliche Versuchsperson wusste jedoch nicht, dass die anderen Personen Gehilfen des Versuchsleiters waren und vorsätzlich eine "falsche" Linie als die "richtige" benennen sollten. Es zeigte sich, dass in der Mehrzahl der Fälle die Versuchsperson, die als letzte an der Reihe war ihr Urteil abzugeben, sich entgegen allem Augenschein der Mehrheit anschloss. Bei Umkehrung der Versuchsanordnung - nur ein eingeweihter Gehilfe, der immer eine falsche Antwort gab, und mehrere echte Versuchspersonen - reagierte die Mehrheit mit Spott und Gelächter auf den "Sonderling". Das Individuum kann also unter großem Druck stehen, nicht von der Mehrheit abzuweichen, denn ein solches Verhalten wird in der Regel mit Mißbilligung bestraft (vgl. Lamp 2009: 15 f.).

Für den Wandel öffentlicher Meinung und für den Aktivismus von heute ist aber folgende Beobachtung in Bezug auf Aschs Experiment von Bedeutung: "Die spontane Geringschätzung des vermeintlichen Sonderlings [...] verwandelte sich nämlich in Ernst und zunehmenden Respekt, sobald die Minderheit nicht mehr nur aus einer, sondern aus drei Personen bestand. Wenn gleich mehrere Personen eine dem eigenen Augenschein zuwiderlaufende Einschätzung abgaben, musste es dafür [...] wohl einen triftigen Grund geben." (Lamp 2009: 38).

Die globalen Protestbewegungen der letzten Jahre spiegeln vordergründig Konflikte um öffentliche, d.h. vorherrschende Meinungen wieder. Teile der Gesellschaft möchten konventionelle, verfestigte Meinungen aufbrechen und neu verfassen. Dahinter stehen dann angestrebte Werte wie Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit oder materielle Umverteilung. Was Aktivist_innen tun müssen, um ihre Ziele zu erreichen, formuliert Elisabeth Noelle-Neumann (2003: 401) folgendermaßen: "Gruppen, die einen Wandel herbeiführen wollen, müssen darauf hinarbeiten, dass ihre Position öffentlich gezeigt werden kann ohne Gefahr der Isolation, und dass die vorher gültige Position öffentlich nicht mehr vertreten werden kann ohne Isolationsgefahr."

We are Anonymous - Expect us

Das Kollektiv "Anonymous", oftmals fälschlicherweise als Hacker-Gruppe bezeichnet, scheint in dieser Protestbewegung eine besondere Rolle einzunehmen. Es steht letzlich auch für die Erweiterung von Handlungsspielräumen durch das Internet, also jene revolutionären Veränderungen, deren Folgen in den letzten Jahren zunehmend sichtbar werden. Neue Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation erzeugen auch neue Deutungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Wirklichkeit:

"Anonymous kreiert immer wieder Slogans und Verknüpfungen, mit denen sich viele identifizieren können, wie etwa die Gleichsetzung von Medienpiraterie mit Freiheit. Den meisten etablierten Akteuren [...] sind solche Statements dennoch zu extrem. Aber die Radikalität von Anonymous schafft es immer wieder latente Energien freizusetzen [...] So erweitert sich der öffentliche Raum auch für andere Debatten, nachdem sich der politische Diskurs jahrzehntelang im engen Rahmen des Mainstreams bewegt hatte." (Stalder 2012: 21)

Abb. oben: Aktivist_innen mit Guy Fawkes-Masken beim Protest gegen Scientology (Quelle: Wikipedia).

Diskurs, Macht und Raum

Geograph_innen sind sich schon seit einer ganzen Weile einig, dass für die Wahrnehmung und das Handeln nicht der Raum an sich, also dessen Materialität, entscheidend ist, sondern die Art und Weise wie Raum sozial konstruiert wird (Massey & Allen 1984, Gregory 1994, Soja 1996; für einen aktuellen Überblick vgl. Belina & Michel 2011). Sprache hat an der Konstitution von Wirklichkeit d.h. an der Produktion von Bedeutung (z.B. von Räumen) einen großen Anteil. Diskursanalytische Ansätze gehen davon aus, dass gesellschaftliche Machtstrukturen in die Sprache, und darüber hinaus in die gesellschaftlichen Diskurse, eingebettet sind. Diskurse - der Begriff wurde wesentlich von Michel Foucault geprägt - bestimmen das Wahrnehmbare und das Sagbare (Grundlagenwissen hierzu vermittelt das "Handbuch Diskurs und Raum" von Glasze & Mattissek 2009) .

Diskurse sind damit eine Art visuell und sprachlich manifestierte Wirklichkeitsentwürfe, die im Kleid der "aboluten Wahrheit" in Erscheinung treten, aber eigentlich sozial konstruiert und damit kontingent sind - d.h. die Wirklichkeit kann so sein, wie sie in einem spezifischen Diskurs erzeugt wird, sie könnte aber auch völlig anders konstituiert werden. Da Sprache und Symbole unpräzise sind und meist verschiedene Deutungsmöglichkeiten zulassen, beinhalten Diskurse immer auch Widersprüche. Nach Anke Strüver (2009: 68) sind für Foucault eben diese Bruchstellen zwischen den Diskursen Ansatzpunkte zum Widerstand, wie auch schon aus einem Interview mit ihm hervorgeht: "My role – and that is too emphatic a word – is to show people that they are much freer than they feel, that people accept as truth, as evidence, some themes which have been built up at a certain moment during history, and that this so-called evidence can be criticized and destroyed.“ (Foucault 1988 [1982]: 10)

Im Schwarm gegen den Strom

Die diskursanalytischen Ansätze und das sozialpsychologische Konzept öffentlicher Meinung haben einige Parallelen: Beide drehen sich im Wesentlichen um die Frage, wie soziale Wirklichkeit und damit verbundene Meinungen/Wahrnehmungen zunächst verfestigt werden, also vorherrschend/hegemonial/öffentlich/zum "Mainstream" werden und wie sie anschließend in Frage gestellt und nur gegen erheblichen Widerstand geändert werden können.

Abb. rechts: Ein Schwarm (Quelle: bernetblog.ch, Was ist eigentlich…: Crowdsourcing?)

Das Internet hat den Zugang zu Diskursen auf eine neue Ebene gehoben und zumindest für die, die online sind, ein Stück weit globalisiert. Im Kampf um die öffentliche Meinung fügen sich lokalisierte Individuen zu globalisierten Schwärmen zusammen. Anonymous ist keine Hacker-Gruppe und keine Geheimorganisation, es ist ein Kollektiv aus Individuen, die das gemeinsame Ziel verbindet, die Welt verändern zu wollen - geschickt nutzen sie den Cyberspace, um die Macht öffentlicher Meinung für jene Zwecke zu nutzen, die von der Intelligenz der Schwärme bestimmt werden.

Big Brother cannot watch me

Die Maskerade ist dabei eine notwendige Voraussetzung, denn als Abweichler_innen riskieren wir, das haben die Experimente von Solomon Asch gezeigt, den sozialen Tod zu sterben. Auf der einen Seite sind wir unserem Selbstbild nach aufgeklärte, mündige und selbständige Individuen, auf der anderen Seite besteht immer auch eine "Sensibilität für das unserer Person geltende Urteil der anderen und die Furcht vor sozialem Ausschluss [...], die wir uns selbst und zumal anderen gegenüber nur ungern eingestehen" (Lamp 2009: 129).

Öffentliche Meinung ist nach Erich Lamp (2009: 143) ein Mittel sozialer Kontrolle, das letztlich über Inklusion oder Exklusion funktioniert. Die auf Foucault zurückgehenden Diskurse hingegen stellen verfestigte, scheinbar natürliche, aber grundsätzlich veränderliche Strukturen dar, die den (sozialen) Raum und unsere Vorstellungen davon prägen. Beide Konzepte können mit ihren Perspektiven eine Debatte um gesellschaftlichen Wandel bereichern. Wie Felix Stalder (2012: 21) treffend feststellt: "Anonymous hat den Raum des Möglichen erweitert." Vielleicht ist es gerade der Ausbruch aus den Fesseln vorherrschender Normen, der beim Anblick der Anonymous-Videos für Gänsehaut sorgen kann.





Literatur:

Belina, Bernd; Michel, Boris (Hg.) (2011 [2007]): Raumproduktionen - Beiträge der Radical Geography - Eine Zwischenbilanz. Münster.
Foucault, Michel (1988 [1982]): Truth, power, self: An Interview with Michel Foucault.
October 25 1982. In: Martin, Luther H.; Gutman, Huck; Hutton, Patrick H. (Hg.):
Technologies of the self. A seminar with Michel Foucault. Massachusetts: 9–15.
Glasze, Georg; Mattissek, Annika (Hg.) (2009): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld.
Gregory, Derek (1994): Geographical Imaginations. Cambridge.
Lamp, Erich (2009): Die Macht öffentlicher Meinung – und warum wir uns ihr beugen. Über die Schattenseiten der menschlichen Natur. München.
Massey, Doreen; Allen, John (1984): Geography Matters! A reader. Cambridge, New York.
Noelle-Neumann, Eisabeth (2003): Öffentliche Meinung. In: Noelle-Neuman, Elisabeth; Schulz, Winfried; Wilke, Jürgen (Hg.): Das Fischer Lexikon. Publizistik. Massenkommunikation. Frankfurt bei Mainz: 392-406.
Soja, Edward (1996): Thirdspace. Journeys to Los Angeles and other real-and-imagined-places. Cambridge.
Stalder, Felix (2012): Schwärme - Anonymous und die Rebellion im Netz. In: Le Monde diplomatique, Februar 2012 (dt. Ausg.): 1; 20-21.
Strüver, Anke (2009): Grundlagen und zentrale Begriffe der Foucault'schen Diskurstheorie. In: Glasze, Georg; Mattissek, Annika (Hg.): Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld: 61–81.

Dienstag, 24. Januar 2012

Hunger nach Land

von Simon Argus

Am vergangenen Freitag fand an der Universität Mainz ein Kolloquium des interdisziplinären Arbeitskreises Dritte Welt zum Thema „Chinas Expansion in den Entwicklungs- und Schwellenländern“ statt. Der besondere Fokus der Veranstaltung lag auf dem chinesischen Engagement in Afrika, ein Engagement, das von uns Europäern seit einiger Zeit mit wachsender Skepsis beobachtet wird. Ein Begriff, der sich in der medialen Diskussion dieses Vorgangs inzwischen eingeprägt hat, ist „Landgrabbing“.

Landgrabbing aus der Perspektive des Guardian (Quelle: http://www.globaldashboard.org/)


Dr. Philippe Kersting von der Universität Mainz fasst das Phänomen zusammen: Landgrabbing bezeichnet den meist legalen Kauf von großen Flächen Land durch ausländische Konzerne oder Institutionen. Dies geschieht in neuen räumlichen und zeitlichen Dimensionen, mit neuen Akteuren und im Rahmen veränderter Geschäftsmodelle und ist deshalb von der klassischen Landnahme, wie zu Zeiten der Kolonialherrschaft, zu unterscheiden. Das Ziel ist zumeist die Produktion von Nahrungsmitteln oder die Sicherung mineralischer Rohstoffe, die dann ins Ausland ausgeführt werden.

Obwohl Landgrabbing in der Regel im Rahmen bestehender Gesetze erfolgt und somit nicht illegal ist, entstehen häufig Konflikte zwischen unterschiedlichen Nutzungsinteressen und Probleme für die lokale Nahrungsmittelversorgung. So sind in den Staaten des afrikanischen Kontinents weiterhin große Teile der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft abhängig. Umso schwerwiegender waren daher die Auswirkungen, als im Jahr 2008 der südkoreanische Konzern Daewoo in Madagaskar auf einen Schlag und zu sehr günstigen Konditionen die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Insel erwarb. Der Deal führte zu Revolten, da auch hier die Bevölkerung von ihren kleinen Landparzellen abhängig ist. Der Präsident, der das Geschäft abgeschlossen hatte wurde im Zuge der Unruhen gestürzt.

Diese Ereignisse erregten das Interesse der westlichen Medien, ein erster Bericht über das Phänomen und die Ereignisse in Madagaskar erschien in der Financial Times. Somit erlebte „Landgrabbing“ seine mediale Geburt und taucht seither immer wieder in europäischen und amerikanischen Nachrichtenmagazinen auf. Die dort beschriebenen Akteure sind transnationale Konzerne und staatliche bzw. halbstaatliche Institutionen, die - wie etwa im Falle Japans auch offiziell bestätigt – die Nahrungsmittel- und Energiesicherheit der investierenden Länder gewährleisten sollen.

Empirisch verlässliche Daten gibt es zu diesem Phänomen bis heute noch nicht. Kersting vermutet, dass die Medien das Phänomen möglicherweise nicht umfassend und eher tendenziös behandeln. So ist auffällig, dass auf vielen Graphiken die Länder Asiens, allen voran China und die Golfstaaten, als Akteure dargestellt sind, Europa jedoch nur selten mit der Entwicklung in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich kann aber gerade chinesischen Akteuren kein größerer Landkauf in Afrika nachgewiesen werden. Das chinesische Engagement in Afrika ist zwar stark gewachsen in den letzten Jahren, beschränkt sich jedoch zumeist auf Transaktionen am Rohstoffmarkt im Austausch für chinesische Fertigwaren.

Auch dürfte Afrika nicht die einzige Region sein, in der „Landgrabbing“ vorkommt. Allerdings erweist sich der Kontinent aus der Perspektive der Medien als das „perfekte Opfer“, Landgrabbing in Afrika erscheint dem Leser sehr viel ungerechter, als ähnliche Entwicklungen in Osteuropa.

Auffällig ist, dass das akquirierte Land zu großen Teilen für den Anbau sogenannter Biofuels genutzt wird. Diese finden sich dann in Form des viel diskutierten E10-Treibstoffs vor allem in europäischen Autotanks wieder. Es ist also anzunehmen, dass die Rolle europäischer Akteure größer ist, als es aus der Berichterstattung ersichtlich wird. Bei den europäischen Akteuren handelt es sich jedoch nicht um staatlich kontrollierte Unternehmen oder Institutionen – daher fällt eine nationale Zuordnung hier schwerer. Tatsächlich aber dürfte es sich bei „Landgrabbing“ nicht um ein Phänomen handeln, bei dem man bequem mit dem Finger auf den Angstgegner China zeigen kann.

Zum Thema im Netz:

Weitere Informationen, zahlreiche Ressourcen, Berichte und verfügbare Statistiken findet ihr auf der Webseite von Dr. Philippe Kersting zu diesem Thema.

Der interdisziplinäre Arbeitskreis Dritte Welt ist ebenfalls im Web vertreten.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Die Zuwendung der Sozialwissenschaften zum Materiellen gegen Ende des Anthropozäns

von Steffen Hirth

Für seinen Vortrag an der Uni Mainz, am 20.10.2011 hatte Bruno Latour "bad news" im Gepäck: Der Mensch ist tatsächlich ein materielles Wesen mit körperlichen Bedürfnissen in einer begrenzten Umwelt. Latour entzaubert damit nicht nur den in den Sozialwissenschaften vorherrschenden, immateriellen Blick auf das Forschungsobjekt "Homo Sapiens", er reißt uns auch aus dem schönen Traum, mit stetiger Weiterentwicklung der Technologien irgendwann von der immer gefährlicher werdenden Erde entfliehen zu können. Er möchte zurückfinden zu einem Materialismus, der die faktische Begrenztheit des Kosmos berücksichtigt. Vielleicht eine Voraussetzung, für einen rationalen Umgang mit der Erkenntnis des anthropogenen Klimawandels?

Ein "materialistic shift" im Anthropozän

Der französische Philosoph, Soziologe und Ethnologe, Bruno Latour, stellt die Frage: "Is it Possible to Get Our Materialism Back?" und postuliert damit die Zuwendung der Sozialwissenschaften zum Menschen als materielles Wesen mit materiellem Einfluss.

Abb. 1: Bruno Latour (Quelle: Wikipedia).

Genau gesagt, nennt er die Menschheit eine "geological force". Dieses Bild entnimmt er den Geowissenschaftler_innen, die das jüngste - das gegenwärtige - Zeitalter als "Anthropozän" bezeichnen (vgl. Crutzen 2002), also das Zeitalter, in dem die Gestalt der Erdoberfäche und der Atmosphäre erstmals signifikant durch die Spezies, die sich Homo Sapiens nennt, mitgeprägt wird; nicht mehr ausschließlich durch die endogenen und exogenen Prozesse, welche die Geomorphologie beschreibt. "Natürlich hat ein Vulkan Einfluss", sagt Latour (sinngemäß), "aber er bricht nur ein paar Tage lang aus - die Menschen sind kleine Vulkane, die 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr am Dampfen sind."

Ein faktisch begrenzter Kosmos

Ein "materialistic shift" bedeutet auch, eine andere Auffassung vom Universum bzw. vom Kosmos anzunehmen. Angetrieben durch die Idee vom technologischen Fortschritt, träumte die Menschheit bisher von der Eroberung des Weltraums. In einem endlosen Universum musste es auch Lebensraum für den Menschen geben, ob auf dem Mond, dem Mars oder einem entlegeneren Planeten. Wahrscheinlich ist das "Paradies" tatsächlich irgendwo da draußen.

Aber sehen wir der Realität ins Auge - und hierin besteht der "shift": In der Praxis werden wir einen solchen Planeten erstens wohl kaum erreichen und zweitens ist unsere Erde wohl auch mit globaler Erwärmung, mit leergefischten Meeren oder sogar nach einem Atomkrieg immer noch lebenswerter als eine Siedlung auf dem Mond oder dem Mars. Mag das Universum auch unbegrenzt sein, unsere Möglichkeiten sind es nicht. Faktisch sind wir auf das System Erde angewiesen.

"Gaia" oder das System Erde

Latour greift hier auf die Gaia-Theorie von James Lovelock zurück, die besagt, dass die Erde ein System mit interdependenten Faktoren ist, das sich selbst reguliert; ein System, dessen chemische Zusammensetzung und Temperatur sich in einem quasi-stabilen Zustand befindet und so die optimalen Bedingungen für das Leben auf der Erde erhält. Auch Geograph_innen beschäftigen sich im Rahmen der Erdsystemforschung mit den verschiedenen Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Teilbereichen dieses Systems. Nach Wolfram Mauser (2007: 970) "befindet sich die Erde ohne den Einfluss des Menschen als geschlossenes System in einem dynamischen, natürlichen Gleichgewichtszustand" (vgl. Abb. 2). "Ohne den Einfluss des Menschen" schreibt Mauser! Tatsächlich, und das bezeichnet das Zeitalter "Anthropozän", ist der Mensch zu einem Geofaktor geworden.

Abb. 2: Schematische Darstellung eines globalen Regelnetzes im Erdsystem, das zwischen CO2-Konzetration, dem Wasserkreislauf, der terrestrischen Vegetation, der Nährstoffversorgung der Ozeane, der marinen Vegetation und der Rückkopplung zum CO2-Gehalt steht. Die roten Pfeile bedeuten einen verstärkenden, die schwarzen Pfeile einen hemmenden Einfluss einer Vergrößerung der Ursache auf die durch die Pfeilrichtung gekennzeichnete Folge (Mauser 2007: 969, verändert nach Ridgewell & Watson 2002).

Latour verweist auf den ökologischen Fußabdruck, eine Maßzahl für den Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen in Bezug auf eine bestimmte Fläche. Würden alle Menschen einen Lebensstandard haben, wie die Europäer_innen ihn aktuell genießen, wären drei bis vier Planeten notwendig; für einen US-amerikanischen Lebensstandard sogar noch mehr. Würden alle Menschen so ressourcenschonend Leben, wie die meisten Menschen in afrikanischen oder in südostasiatischen Ländern, dann würde eine Erde ausreichen (vgl. Happy Planet Index).

Apocalypse Now?

Eine Anpassung des Lebensstils auf ein ökologisch verträgliches Maß ist bisher nicht erfolgt (im Gegenteil), was auch der Grund sein mag, weshalb James Lovelock so düstere Schlüsse zieht: Er geht davon aus, dass sich wohl noch in diesem Jahrhundert die Erdbevölkerung in Folge von Ressourcenverknappung und daraus resultierenden Kriegen drastisch reduzieren wird.



Latour zitiert auch Harald Welzer, den Autor von "Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird", ein bemerkenswertes Buch, über das auch in der Geozentrale schon berichtet wurde (mehr...). Indem Welzer (2008) den Klimawandel als "ökosoziales Problem" bezeichnet, das schon jetzt - noch stärker aber in Zukunft - zu gewaltsamen Konflikten führt, entlastet er zurecht die Naturwissenschaftler_innen, die den Klimawandel zwar als naturwissenschaftliches Phänomen identifizieren können, aber gar nicht dazu ausgebildet sind, dessen soziale Folgen abzuschätzen.

Dass der Naturwissenschaftler James Lovelock die Zukunft der Menschheit so düster sieht, mag dementsprechend auch an seinem mangelnden Vertrauen in die Wandlungsfähigkeit der Menschen liegen. Doch auch die Perspektive des Sozialpsychologen Harald Welzer macht nicht gerade Mut. Grundlegende Veränderungen in diesem Jahrhundert sind offenbar - materiell - zwingend. Die Frage ist nur, wie aktiv "wir" daran mitwirken.

Wer rettet uns die Welt?

Die Sozialwissenschaften sollen nicht die teuer erkämpften Paradigmen um sozial konstruierte Wirklichkeiten aufgeben; sie dürfen nicht einfach verwerfen, dass unsere Wahrnehmung ein kognitiver Prozess ist, der viele Wirklichkeiten von vielen Subjekten hervorbringt. Nichtsdestotrotz ist nicht länger zu verleugnen, dass wir uns in einem anthropogenen Prozess, den wir Globalen Wandel nennen, befinden und dabei immer eifriger unsere materielle Lebensgrundlage zerstören (paradoxerweise mit dem Ziel unseren Lebensstandard zu erhöhen).

Wovon Latour spricht, ist ein im Grunde längst überfälliger Wandel: Die Hinwendung der Sozialwissenschaften zu denjenigen materiellen Faktoren, die schwerwiegende soziale Folgen haben oder haben werden.

Nachhaltigkeit tabu?

Bezeichnend für die bisherige Blindheit der Sozialwissenschaften gegenüber dem Materiellen ist vielleicht auch, dass Latour den Begriff "Nachhaltigkeit" in seinem Vortrag nicht ein einziges Mal verwendet (erst in der anschließenden Diskussion wurde dieser Begriff einmal von einem Zuschauer genannt). Wird der Begriff schon als so inflationär empfunden, dass er gemieden werden muss? Freilich wurde und wird Nachhaltigkeit oft mit einer guten Portion Halbwissen verwendet, oft auch mit moralisch fragwürdigen Absichten, etwa wenn Unternehmen sich ein grünes Mäntelchen überstreifen (Wiki: Greenwashing).

Aber genau das ist ja der sozialwissenschaftlich relevante Punkt: Rund um die Bedrohungen durch den Klimawandel oder das Ende des Erdöls werden Wirklichkeiten konstruiert, die suggerieren, den idealen Zustand der Nachhaltigkeit (den Einklang mit "Gaia") erreicht zu haben oder darauf hinzuarbeiten. Faktisch sind "wir", das Kollektiv, gerade dabei zu Versagen: Zur Begrenzung der Erderwärmung auf 2°C ist laut den Wissenschaftler_innen vom IPCC eine Stagnation des CO2-Ausstoßes bis etwa 2012 notwendig. Die meisten Menschen wollen nicht auf ihr Auto verzichten, wollen nicht weniger Strom verbrauchen, wollen möglichst weit weg in den Urlaub fliegen und kaufen eingeflogene Blumen aus Kenia. Doch so schnell wie letztere verblühen können, so schnell kann es (aus "Gaias" Sicht) mit dem Anthropozän vorbei sein.

"Materialistic shift" für nachhaltigen Wandel

Ob das Ende des Anthropozäns bedeutet, dass sich die Menschheit in einem globalen Konflikt selbst reduziert (wie James Lovelock behauptet, siehe Video oben), oder ob es der Menschheit gelingt, ihren ökologischen Einfluss friedlich auf ein verträgliches Maß zu reduzieren (z.B. durch einen "qualitativen Wandel" wie ihn Serge Latouche mit seinem Konzept der "décroissance" fordert; mehr...) - dies ist eine Frage an der insbesondere die Sozialwissenschaften mitwirken können, sofern sie sich dem Materiellen wieder zuwenden.

Ansätze dazu sind schon vorhanden: Das humangeographische Institut in Frankfurt erforscht z.B. Gesellschaft-Natur-Verhältnisse in visuellen Medien (mehr...). Wer sich die Natur als "intakt" konstruiert (vgl. Greenwashing), der kann an seinen liebgewonnenen Gewohnheiten, am Status Quo, festhalten. Wie schon das Thomas-Theorem von 1928 besagt: "If men define situations as real, they are real in their consequences."

Den unsachlichen, verzerrenden Umgang der Medien mit dem anthropogenen Klimawandel schildern eindrucksvoll Maxwell und Jules Boykoff (2004). Für jemanden, der den Klimawandel nicht glaubt, gibt es keinen Klimawandel. Vielleicht glaubt er erst später daran, dann wenn die ständigen Dürren seine Ernte vernichten oder die Flut sein Haus mitreißt. Vielleicht hat er bis dahin aber auch vergessen, dass es früher einmal anders war - gewaltsame Konflikte um Ressourcen sind seine Wirklichkeit, sind "ganz natürlich". Die Sozialwissenschaften haben hier dringenden Forschungsbedarf.

Sollten wir uns nicht fragen, ob es wirklich weiterhin das "natürliche" Recht eines Jeden sein darf, z.B. auf der Autobahn beliebig viel Treibhausgase zu emittieren, solange nur für das Benzin bezahlt wird? Und ist die Art und Weise, wie wir uns ernähren wirklich reine Privatsache? Auf diese letzte Frage möchte ich in einem späteren Artikel noch näher eingehen...


Literatur:

Boykoff, Maxwell T. & Jules M. Boykoff (2004): Balance as bias: global warming and the US prestige press. In: Global Environmental Change 14/2004: S. 125-136, Internet: http://www.eci.ox.ac.uk/publications/downloads/boykoff04-gec.pdf (zuletzt geprüft am 20.10.2011).

Crutzen
, Paul J. (2002): Geology of Mankind. In: Nature 415: S. 23. Internet: http://www.studgen.uni-mainz.de/sose04/schwerp3/expose/geology.pdf (zuletzt geprüft am 20.10.2011).

Mauser, Wolfram (2007): Globaler Wandel und Grenzen des Wachstums. In: Gebhardt, H., Glaser, R., Radtke, U., Reuber, P. (Hrsg.): Geographie. München: 966-975.

Ridgewell, Andy J. & Andrew J. Watson (2002): Feedback between aeolian dust, climate and atmospheric CO2 in glacial time. In: Paleoceanography Vol. 17, No. 4 (2002), Internet: http://lgmacweb.env.uea.ac.uk/e114/publications/ridgwell_and_watson_2002.pdf (zuletzt geprüft am 20.10.2011).

Welzer, Harald (2008): Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt am Main.


Samstag, 8. Oktober 2011

Warum das Elektroauto sterben musste...

von Steffen Hirth

...ist eine sehenswerte (online frei verfügbare; siehe unten) Dokumentation über das in den 1990ern von General Motors auf den Markt gebrachte, aber kurz darauf wieder eingezogene und verschrottete
"EV1". Sie stellt die Behauptung auf, dass die Elektromobilität schon viel weiter verbreitet sein könnte, wenn sich ihr nicht verschiedenste Faktoren in den Weg stellen würden.

Die Dokumentation vertritt die These, dass die Automobilindustrie - auch unter dem Druck der Erdöllobby - gar kein Interesse daran hat, praktikable Elektroautos auf den Markt zu bringen und deshalb die Behauptungen vorschiebt, dass erstens die Technik noch nicht ausgereift wäre und zweitens keine Nachfrage seitens der Verbraucher_innen bestünde. Vor diesem Hintergrund wird auch das Pochen auf die Wasserstoff-Technik mit Brennstoffzelle, die im Gegensatz zum Elektroauto überhaupt noch nicht marktfähig - im Sinne von energetisch wirtschaftlich - ist, als Aufschiebestrategie aufgefasst, die das fossile Zeitalter verlängern soll (vgl. z.B. die symbolische Inanspruchnahme der Farbe Blau durch die Automobilindustrie, wie auf der Website der IAA oder der Nachhaltigkeitskampagne "Think Blue" von VW).

Abb.: Das 1999 wieder vom Markt genommene EV1 von General Motors (Quelle: Wikipedia).

Was zunächst einmal nach Verschwörungstheorie klingt, wird in der Dokumentation aus vielfältiger Perspektive erläutert. Und so wird am Ende auch nicht eindeutig der oder die Schuldige identifiziert, sondern vielfältige Interessenkonflikte ausgemacht, die bis heute verhindern, dass auf den Straßen emissionslose Elektroautos zu sehen sind.

Unter den "Schuldigen" sind die Erdöllobby, deren immer knapper werdender Rohstoff immer profitabler wird, und die deshalb starken Einfluss auf die Automobilindustrie nimmt. Es ist aber auch die kalifornische Umweltbehörde, die ihr in den 1990er Jahren verabschiedetes Gesetz zur Reduktion der Emissionen nicht standfest genug durchsetzen konnte, sowie die US-Regierung, die unter Präsident George W. Bush der Ölindustrie nahe stand und entsprechend keinen Willen zeigte am Status Quo etwas zu ändern. Letztlich ist es aber auch die Gleichgültigkeit und die Borniertheit an einmal etablierten Gewohnheiten festzuhalten, die auch den Verbraucher_innen am "Tod des Elektroautos" ihren Anteil lässt.

Zum Argument mit der unausgereiften Technik ist zu sagen, dass Elektromobile schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts existieren und das EV1, das vor bald 20 Jahren herauskam, schon bemerkenswerte Eigenschaften hatte: Eine Reichweite zwischen 70 und 100 Meilen (also 110 bis 160km). Die ironische Aussage eines EV1-Fahrers im Film dazu: "Was die Gegner der Elektroautos seit Jahren sagen ist wahr: Das Elektroauto ist nicht für Jeden geeignet. Mit seiner Reichweite ist es nur für 90 Prozent der Bevölkerung nutzbar." Für die EU gilt z.B., dass 90 Prozent aller Fahrten in Städten nicht weiter als sechs Kilometer sind (vgl. Michael Cramer, MdEP; mehr). Besser wäre es natürlich, diese Strecken zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zurück zu legen - aber wenn schon individuell und motorisiert, warum dann nicht elektrisch und abgasfrei?

Was die vermeintlich nicht vorhandene Nachfrage angeht, so argumentiert die Doku, wurde erstens die Elektromobilität "stiefmütterlich" vermarktet und waren zweitens genug potentielle Käufer_innen vorhanden. Die damaligen Besitzer_innen konnten das EV1 allerdings nur leasen, so dass GM das Recht hatte, die Fahrzeuge wieder einzuziehen, wovon es, gegen beachtlichen Widerstand, auch Gebrauch machte. So musste das Elektroauto "sterben" bevor es überhaupt ins Bewusstsein der breiten Masse treten konnte. Aber seht selbst...

Warum das Elektroauto sterben musste from Global Change 2012 on Vimeo.

Dienstag, 27. September 2011

"Wenn man Fukushima meidet, besteht keine Gefahr."

Von Max Zellmer 

Sechs Monate nach der Atomkatastrophe meiden Touristen weiter Japan. Dabei soll die Strahlenbelastung in Tokio nicht höher als in Berlin oder New York sein. Geozentrale-Reporter Max Zellmer hat für die Zeitung "Die Welt" nachgefragt.

Während die Tsunami-Katastrophe eindrücklich auf Bildern dargestellt werden kann, ist die Gefahr durch die Strahlenbelastung in Fukushima unsichtbar. (Bildquelle: www.martintaylor.com)
Nach der Katastrophe im März haben viele Veranstalter und Touristen ihre Japan-Reisen abgesagt. Im April rutschten die Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr um 68% in den Keller. Mittlerweile entspannt sich die Lage etwas.
Aus Angst vor radioaktiver Strahlung meiden Touristen jedoch weiterhin das Land. Warum das so ist und weshalb er mit seiner Familie jederzeit Urlaub in seiner Heimat machen würde, erklärt Hideaki Nakazawa, Direktor der japanischen Fremdenverkehrszentrale in Deutschland.

Max Zellmer: Nach dem Tsunami und dem Atomunfall in Fukushima sind die Touristenzahlen in Japan stark zurückgegangen. Wie wirkte sich das auf die Tourismusindustrie aus?
   

Hideaki Nakazawa: Die Tourismusindustrie hat nach dem 11. März große Einbußen hinnehmen müssen, auch aus Deutschland. Die Ersten, die wieder nach Japan reisten, waren Geschäftsleute. Hinsichtlich der Hotelauslastung ergeben sich daher auch ganz unterschiedliche Situationen.
In den Metropolen Tokio und Osaka ist die Buchungslage inzwischen wieder recht gut, aber in den touristischen Regionen abseits davon, in Kyoto, in den Japanischen Alpen oder auf Okinawa, macht sich das Fehlen der Touristen bemerkbar. Die Regierung versucht, das auszugleichen, indem sie die Bevölkerung aufruft, im eigenen Land Urlaub zu machen. Die Hoffnung liegt nun auf dem nächsten Jahr.
Max: Sind die Aussichten für 2012 besser?

Nakazawa: Von deutschen Veranstaltern höre ich, dass Buchungen auf das nächste Jahr verschoben, aber nicht abgesagt wurden. Wir sehen, dass vor allem die Reisebüros Hilfestellungen brauchen, um ihre Kunden beraten zu können. Wir sind daher im Oktober in sieben deutschen Städten unterwegs, um Reisebüromitarbeiter über die aktuelle Situation zu beraten und sie zu ermutigen, Japan zu buchen.
Und um die Konsumenten direkt anzusprechen, werden wir mit eigenem Stand auf der Reisemesse CMT im Januar und auf der ITB im März 2012 vertreten sein. In Zusammenarbeit mit den japanischen Konsulaten sind wir auch auf den Reisemessen in Hamburg und München im Februar 2012.

Max: Besteht für Japan-Touristen Gefahr durch Radioaktivität?

Nakazawa: Die Antwort ist ganz klar: Wenn man die Region Fukushima meidet, besteht keine Gefahr. Tokio ist von Fukushima 250 Kilometer entfernt, und alle weiteren für Touristen interessanten Ziele, die Japanischen Alpen, Kyoto und Nara, Hiroshima, die Insel Kyushu und Okinawa, liegen noch weiter weg.

Max: Ist die Strahlenbelastung in Tokio höher als zum Beispiel in Berlin oder New York?

Nakazawa: Auch hier ist die Antwort eindeutig: Die Strahlenbelastung in Tokio ist nicht höher als in Berlin oder New York


Satellitenbilder der Zerstörungen in Japan auf einer größeren Karte anzeigen

Max: Japan ist Fisch-Land! Aber setzt man sich als Sushi-Fan nicht einer Gefahr durch verstrahlte Fische aus?

Nakazawa: Die Behörden prüfen das sehr genau und nehmen regelmäßig Proben an den Küsten im Nordosten Japans – nicht nur vor Fukushima, auch bis zu 320 Kilometer vor der japanischen Küste, um zu erfahren, wie belastet Fisch und andere Meerestiere sind. Die Befunde stellt die japanische Fischereibehörde ins Internet. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass durch den Verzehr von Meeresfrüchten während einer Japan-Reise kaum Gefahr besteht, sich radioaktiv zu belasten.

Max: Sollte man als Tourist einen Geigerzähler mit nach Japan nehmen?

Nakazawa: Klar könnte man sagen, dass das der Beruhigung dienen könnte. Aber dann müsste man sich mit dem Gerät vor der Abreise vertraut machen, um zu wissen, was man dann vor Ort misst. Wer möchte das auf einer Urlaubsreise schon? Ganz klar ist, dass es für einen Besucher nicht nötig ist, solche Messungen vorzunehmen. Japan ist eines der sichersten Länder der Welt – das liegt auch daran, dass die Behörden alle Grenzwerte und Messungen sehr sorgfältig überwachen.
Max: Gibt es eine neue Art des Tourismus: sogenannten Krisentourismus?

Nakazawa: Es gibt einige Angebote von Organisationen, aber auch von Reiseveranstaltern, als Freiwilliger in Japan an den Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten teilzunehmen.

Max: Ein Blick in die Zukunft: Wann wird sich die Lage aus touristischer Sicht wieder normalisiert haben?

Nakazawa: Wir gehen davon aus, dass sich die Situation im nächsten Jahr stabilisiert hat, auch wenn der Tourismus noch nicht wieder auf dem Niveau der Zeit vor der Katastrophe sein wird.
  
Max: Laut dem Hotel Price Index von 2011 sind die Hotelpreise in Japan um sechs Prozent gefallen. Ist Urlaub also jetzt günstiger als vor Fukushima?

Nakazawa: Leider steht dem der starke Yen im Wege. Tatsächlich hat man die Hotelpreise in Japan gesenkt, aber im Moment wird dieser Preisvorteil durch den Wechselkurs wieder aufgefressen. Glücklicherweise war der Reisepreis noch nie ein Argument für Japan-Reisende – dass es günstigere Reiseziele gibt, ist klar. Dennoch: Wenn man in die Kataloge der Veranstalter schaut, finden sich überall Einsteigerreisen um 2000 Euro – das ist nicht viel, um Japan kennenzulernen.

Max: Würden Sie jetzt selbst als Tourist mit Ihrer Familie nach Japan reisen? Auch in den Norden?

Nakazawa: Ich war gerade im Juli in Japan und würde jederzeit wieder dorthin reisen. Nur die Gegend um Fukushima und die Pazifikküste würde ich meiden, aber das versteht sich von selbst.
 
Links:  Reise- und Sicherheitshinweise für Japan gibt das Auswärtige Amt unter www.diplo.de.

Max Zellmer ist Mitarbeiter der Geozentrale. Dieses Interview hat er im Auftrag der Zeitung "Die Welt" geführt. Das Interview ist auch unter http://www.welt.de/reise/Fern/article13626396/Wenn-man-Fukushima-meidet-besteht-keine-Gefahr.html erschienen.

Montag, 25. Juli 2011

Nachhaltige Städte weltweit

Von Simon Argus

Viele große Städtebauprojekte heften sich heute das Etikett "nachhaltig" an. Während man in Europa dabei häufig Konversionsprojekte und die Erneuerung bestehender Viertel meint, geht es im fernen Osten um Wohnraum für eine rasch wachsende städtische Bevölkerung. Gemeinsam ist den Projekten: Man will es besser machen als in der Vergangenheit, den Menschen und der Umwelt gerecht werden. Geozentrale präsentiert eine Karte mit den wichtigsten Projekten weltweit: 


Nachhaltige Städtebauprojekte weltweit auf einer größeren Karte anzeigen

Die nachhaltige Stadt muss mehrere schwer erreichbare Ziele kombinieren: Sie soll einen möglichst geringen Einfluss auf die natürliche Umwelt haben und bezüglich Ressourcennutzung sowie Emissionen einen möglichst kleinen "Fußabdruck" hinterlassen. Gleichzeitig soll sie einer weltweit weiter wachsenden städtischen Bevölkerung ein lebenswertes und sicheres Umfeld bieten, in dem die Bewohner auch in Entscheidungsprozesse der Stadt einbezogen werden. Schließlich gilt all dies mit einer nachhaltigen wirtschaftlichen Basis zu verbinden, die die Stadt langfristig lebendig erhält. 

Die meisten Städte dieser Welt können nicht alle Ziele der Nachhaltigkeit gleichzeitig erfüllen. Viele Städte, speziell in industrialisierten Ländern müssten vollkommen umgestaltet werden. Einzelne Viertel oder ganz neue Stadtteile hingegen, sind heute weltweit zu Laboratorien und Versuchsräumen geworden, in denen teilweise spektakuläre Ideen verwirklicht werden. Masdar in den Vereinigten arabischen Emiraten ist nur eines der prominentesten Beispiele. Weitere wichtige Projekte zeigt die Karte, die diesem Artikel beigefügt ist. Noch mehr Projekte finden sich auf der Seite www.sustainablecities.dk, die aktuelle Städtebau- und Entwicklungsprojekte der ganzen Welt detailliert vorstellt.

Übrigens sind auch nachhaltig geplante Städte nicht vor Verfall und Untergang gewappnet. Ein Beispiel aus China ist das Projekt Huangbaiyu, das noch in der Juli-Ausgabe der französischen Zeitschrift "Carto" zu finden ist, das aber tatsächlich schon lange sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden ist.

Quellen: Carto - Le Monde en Cartes Nr. 06, S. 57 sowie die verlinkten Internetseiten.